Gebt ihnen mehr Geschichten

Logo - KulturaustauschDieser Artikel wurde in deutschen Magazine “Kulturaustausch” im June 2014 veröffentlicht. Die Übersetzung auf französische befindet sich here.

Die Presse in Europa berichtet gerne von Leuten wie Nigel Farage, dem telegenen Vorsitzenden der bri- tischen, antieuropäischen UKIP-Partei, der „nach Hause gehen“, also Europa verlassen möchte. Der ita- lienische Populist Beppe Grillo wiederholt in italie- nischen Blättern wie La Stampa oder La Repubblica „a casa!“ „a casa!“. Auf französischen Nachrichten- sendern verurteilt Marine Le Pen diejenigen, die an- geblich „Unbekannten einen Zweitschlüssel ausgehän- digt“ hätten. Geert Wilders wünscht sich in der meist- gelesenen niederländischen Zeitung De Telegraaf, dass jeder wieder „Herr im eigenen Haus“ sein solle. Europaskeptiker haben bei den Europawahlen im Mai große Erfolge gefeiert. Die Stimmung war schon ein- mal besser in Europa.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man das europäische Projekt mit dem Wiederaufbau und der
Rückkehr zum Wohlstand rechtfertigen. Es gab hauptsächlich öffentlich-rechtliche Kanäle, die die Beschlüsse der jungen EU ver- kündeten. Die damalige Medienkultur ließ rationale Argumente und lange Ausführungen noch zu. Ab den 1970er Jahren gewan- nen die Medien an Unabhängigkeit, die Medienlandschaft wurde vielfältiger, der Nachrichtenzyklus beschleunigte sich. Die Bericht- erstattung ging von der nüchternen Vermittlung des Tagesgesche- hens zu einer schnelleren, intensiveren Form des Berichtens über, dem „Storytelling“. Es galt, Geschichten zu inszenieren, Berichte zu illustrieren, gegensätzliche Standpunkte zu personalisieren. Das Thema Europa wurde unattraktiv. Die 2000er Jahre haben diese mediale Entwicklung beschleunigt: Nachrichtensender berichten rund um die Uhr, Online-Nachrichtenportale und soziale Medien tragen die Berichterstattung in die interaktive Kommunikation. Eu- ropa hat heute Mühe, sich daran anzupassen.

Die Europaskeptiker haben die medienwirksame Logik des „Sto- rytelling“ begriffen: Geschichten erzählen, Berichten einen per- sönlichen Anstrich geben, oder auch mit dem Finger auf jemanden zeigen, wenn es sein muss. Die Skeptiker sprechen vor allem die Emotionen an. Europa ist voll? Daran ist die schlechte Verwaltung schuld, die zu viele Flüchtlinge hereinlässt. Die Kosten sind zu hoch? Man muss dieses irrsinnige gemeinsamen Budget abschaf- fen und die Verschwendung aufzeigen! Es spielt selten eine Rolle, ob die Vorschläge stichhaltig sind, die lautstarken Europaskeptiker haben es verstanden, die Sorge um die Bedrohung der nationalen Identität, der individuellen Freiheiten und des gemeinsamen Wohl- stands auszunutzen. Das verkauft sich bei Journalisten gut.

Die Euro-Enthusiasten sind bei ihrer kühlen Ratio- nalität geblieben. In den Medien werden sie mit ih- ren ungeschickt vorgetragenen Argumenten kaum ge- hört. Wirtschaftliche Vernunft? Geopolitischer Nut- zen? Gemeinsame Normen und Werte? All das sind Argumente, über die nur sperrig zu berichten ist. Es ist fast so, als seien die Europabegeisterten unfähig, ihre emotionalen Gründe für das europäische Projekt zu erklären. Die Bürger Europas begeistern sich nicht für ungreifbare Projekte wie den gemeinsamen Bin- nenmarkt oder die europäische Wirtschaftspolitik. Schlimmer noch: Sie fühlen sich aus dem Gespräch ausgeschlossen und vermuten, dass man ihnen die wahren Absichten des Projektes vorenthalte.

Wir brauchen also mehr Emotionen für Europa in den Medien, um die Menschen wieder an das Projekt heranzuführen.

An die Stelle eines „Europa des Nutzens“ sollte wieder ein „Eu- ropa des Zusammenlebens“ treten. Ein Zusammenleben im wahrs- ten Sinne des Wortes, von convivium, dem Vergnügen „zusammen zu leben“. Genau darüber würden Journalisten gerne schreiben. Gebt ihnen mehr Geschichten über die Erfahrungen der drei Mil- lionen Erasmusstudenten! Gebt ihnen Berichte über Erlebnisse des Austauschs zwischen den 17.000 Partnerstädten, die quer über den Kontinent verteilt sind! Gebt ihnen Geschichten über das Leben der 350.000 binationalen Paare, die sich jedes Jahr das „Ja“-Wort geben!

Auch über Neuerungen und kreative Ideen und Potenziale muss berichtet werden. Lasst die Konditorlehrlinge die Rezepte der Nach- barn erlernen und sie mit nach Hause bringen; ladet Künstler aller Länder auf eure Bühnen und in eure Medien ein; lasst die Volks- feste eines Landes ein größeres Echo bei den Nachbarn finden! Über diese Dinge zu berichten kann ein positives Echo erzeugen, Europa greifbarer machen, und den skeptischen Stimmen etwas entgegensetzen. Wir brauchen mehr Berichte über den lebendigen interkulturellen Austausch.

Die Zeit drängt, jetzt ist der Moment, in dem wir das Ruder noch herumreißen können. Dafür brauchen wir die Stimmen der Euro- päer, die den Kontinent lieben, auf allen Kanälen. Der frühere fran- zösische Präsident Jacques Chirac hat einmal gesagt „Unser Haus brennt, und wir schauen woanders hin“. Das trifft mehr denn je auf Europa zu. Europaskeptiker lenken uns davon ab, um was es eigentlich geht: ein gutes gemeinsames Leben.